Credit: Jochen Hirschfeld

The Spirit of the Ghosts – Nicht verblassen lassen

von Peter Eichhorn

Credit: Hauke G. Thüring

 

Geisterstunde ist mehr als nur Mitternacht. Denn zur Geisterstunde würden viele von uns sicher wieder gerne in den Bars des Landes die Tresen und die Barhocker bevölkern, geistreiche Getränke konsumieren und engagiertes Gastgebertum in vollen Zügen genießen. Allein – es ist uns nicht vergönnt.

Nun bereitet sich jeder von uns den eigenen Cocktail aus wehmütigem Rückblick, sorgenvoller Aktualität und hoffentlich optimistischen Perspektiven in der Zukunft. Diese Mischung strahlen auch die Bilder des Projekts „Geisterbars“ aus, initiiert von dem Münchener Fotografen, Filmemacher und Reisenden Jochen Hirschfeld. Er ist in der Barszene kein Unbekannter. Als „Van Hagen“ vermählt er die stimmungsvolle Welt der Barkultur mit seinem eigenwilligen und charaktervollen Stil des Bildhaften.

Mit seinen Bildern sucht er das Kino im Kopf und als Cocktailliebhaber und Barfly auch immer wieder das Kino auf der Zunge. Mit seinem „Aloha“ auf den Lippen, dem bewährten Tiki-Style und der schmauchenden Pfeife sind seine stilsicheren Markenzeichen bekannt und beliebt in unseren Bars.

Auch Hirschfeld vermisst das Barfly-Leben, wenn er an den leeren Bars und verwaisten Vorgärten der Gastronomie seiner Münchener Heimat entlang flaniert.

Die sonst so lebendige Welt der köstlichen Getränke und des fröhlichen Miteinanders hatte sich in kleine Geisterstädte verwandelt.

Dieser Anblick brachte ihn auf Idee zu einem Fotoprojekt unter dem Namen „Geisterbars“ und dem Slogan „I want to be a host, not a ghost.“

Und frei nach dem bekannten Ausspruch von Oscar Wilde: „Nichtstun ist die aller schwierigste Beschäftigung und zugleich diejenige, die am meisten Geist voraussetzt!“ startet der Fotograf sein Projekt.

Credit: Jochen Hirschfeld

Credit: Jochen Hirschfeld

Hirschfeld berichtet: „Um den guten Geistern der Gastfreundschaft zu helfen und sie ins Bewusstsein der Menschen zu rücken, arbeite ich an einem zweiteiligen Fotoprojekt. Die Fotos halten einen kritischen Moment der Zerbrechlichkeit fest. Für viele Gastgeber geht es an die Substanz. Sie bringen ein großes Opfer, helfen mit und tragen ihren Teil zum gesundheitlichen Wohle der Gemeinschaft bei. Viele sind Kämpfernaturen und jammern nicht viel. Das ist aber kein Grund sie zu ignorieren und verblassen zu lassen. Analog zum Slogan der Kunstszene, Ohne K.uns.t wird's still! wird auch unser aller Leben einsamer ohne diese Orte der Gastfreundschaft und der Menschen, die uns dort willkommen heißen. Wir müssen diese Geister wieder ins Leben zurückholen. Fotografen aus anderen Städten sind herzlich eingeladen sich diesem "open source" Projekt anzuschließen.“

Die besondere Ästhetik der Bilder lässt den Betrachter nicht unberührt. Insbesondere, wenn man die ‚Geister‘ persönlich kennt und mit ihnen und der Bar-Familie fühlt. Doch Jochen Hirschfeld belässt es nicht nur bei der Abbildung und erläutert: „Die Pandemie trifft die Barszene besonders hart. Und dass, obwohl sie sich ohne viel Murren so vorbildlich ins Zeug gelegt hat. Im zweiten Teil des Projekts geht es somit darum, eine Lieblingsbar konkret finanziell zu unterstützen. Unmittelbar und unbürokratisch. Der Grundgedanke: Unseren Geisterwesen bleibt zwar der Zugang zur irdisch-menschlichen Welt derzeit verwehrt, aber mit ihren alchemistischen Fähigkeiten können sie doch unseren kargen Pandemie-Alltag bezaubern. Ich habe überlegt, womit die Bars neben den Take-away Cocktails noch Einnahmen generieren können. Und wie ich ihnen dabei helfen kann. Da kam mir die Idee der individuellen Cocktail-Kreation. Maßgeschneidert nach den persönlichen Wünschen, sei es auf Basis einer Lieblings-Spirituose, eines Filmklassikers oder einer Zeile Poesie.“

500 Euro kostet ein solcher Drink, den Hirschfeld oder einer der vielen Fotografen-Kollegen, die sich bislang angeschlossen haben, inszeniert und über soziale Medien bekannt macht. 

Credit: Barroom TwentyTwenty

Das Projekt wächst derzeit stetig weiter, worüber sich Hirschfeld freut: „Das Ganze hat seinen Preis und seinen Wert, doch wir wollen ja etwas bewirken und das Geld erhält komplett die jeweilige Bar. Man bekommt etwas, das man sich sonst für Geld nicht kaufen kann. Nicht ganz ohne Stolz darf vermeldet werden, dass die magische Grenze von 100 Geisterdrinks nicht mehr weit entfernt ist. Der Barszene nicht nur mit schönen Bildern und etwas Abwechslung vom Alltag, sondern insgesamt mit einer sehr soliden fünfstelligen Summe geholfen zu haben, hinterlasst ein großartiges Gefühl und spornt noch einmal an, das Projekt auch in den kommenden Wochen und Monaten voranzutreiben.“

Letztlich hofft aber auch Jochen Hirschfeld auf das Comeback der Barszene: „Aber am Ende bleibt einfach die Hoffnung, dass die Geister bald wieder zum Leben erweckt werden und die Bars wieder ihre Türen öffnen dürfen. Bis dahin wollen wir allerdings noch auf möglichst viele Bars hinweisen und hoffen, entsprechende Geisterdrinks entstehen lassen zu dürfen.“

http://www.geisterbars.de/