Dominik Galander: „Wir bilden die echte Bar zu 95 Prozent ab“

von Jan-Peter Wulf

Dominik Galander: „Wir bilden die echte Bar zu 95 Prozent ab“

Die „Galander Online Bar“ empfängt Gäste digital und serviert doch echte Drinks

Im Januar 2021 eröffnete in Berlin eine Bar. Schon über tausend Gäste waren seitdem zu Besuch, bestellten sich Getränke, kamen miteinander ins Gespräch, tanzten oder lauschten an der Bühne der Livemusik. So what, könnte man sagen, wüsste man nicht: Es ist gerade Lockdown und keine Bar ist geöffnet. Die „Galander Online Bar“ aber schon – und obschon sie aussieht wie ein putziges Computerspiel aus den 1980er-Jahren, ist sie doch so viel mehr, nämlich ein spannendes neues Geschäftsmodell. Wie das funktioniert, erklärt uns Erfinder und Betreiber Dominik Galander.

 

Dominik, wie bist du auf die Idee gekommen, eine virtuelle Bar zu eröffnen?

Wie viele Barbetreiber habe ich im November, nach kurzer Schockstarre wegen des erneuten Lockdowns, angefangen, Cocktails in Flaschen zum Selbstabholen anzubieten. Wir haben aber schnell gemerkt: Es ist nicht so toll, mit den Drinks einfach zu Hause zu sitzen. Es fehlt das Zwischenmenschliche. Aber wie können wir diese Lücke füllen? Mit Zoom oder Teams? Da war uns jedoch die Einschränkung zu groß – einer redet und alle hören zu, oder reden mehrere, dann wird es schnell unverständlich. Und dann war es ein reiner Zufall: Johannes Warth, ein Freund der Bar, der Redner ist, suchte für sich selbst nach einer Software, um eine digitale Bühne zu erschaffen. Er hat mich eingeladen, um mir die Software zu zeigen – Gather wird ja vor allem für digitale Messen und Konferenzen verwendet.

 

 

 

Eine zweidimensionale Welt wie ein altes Computerspiel, durch die man sich mit einem selbst gestalteten Avatar bewegt. Und du warst sofort überzeugt: Das geht auch als Bar?

Quatsch, das geht überhaupt nicht, dachte ich! Sein Sohn hat aber freundlicherweise mal ein Foto meiner Bar als Hintergrund hochgeladen, und dann fand ich es auf einmal spannend. Ich habe dann ein paar Stunden investiert und mit Bildern aus dem „Galander Kreuzberg“ die virtuelle Bar aufgebaut.

Die ja sehr detailreich ist: Es gibt euren Tresen mit den vielen Flaschen dahinter, den Loungebereich, den Eingang vor der Tür, sogar die Toiletten fehlen nicht. Und wie ging es dann weiter?

Anfang Januar luden wir 80 Leute ein, um das Ganze zu testen. Wir haben ihnen Drinkpakete zugeschickt, und was soll ich sagen: 80 Mal grandioses Feedback! Ein super Abend, am Ende wollten die Leute sogar tanzen und ich dachte: Wie, tanzen? Wie soll das denn gehen? Also haben wir noch schnell eine virtuelle Tanzfläche eröffnet, und die Leute haben wirklich vor dem Computer getanzt. Ihnen haben die sozialen Kontakte so unfassbar gefehlt, haben viele uns im Nachgang in einer kleinen Befragung geschrieben.

 

Und dann habt ihr die Bar richtig online eröffnet. Ich war ja auch schon zu Gast und war vorher eher skeptisch. Aber es war total klasse, ich hatte nette Gespräche, einen sehr guten Vieux Carré, habe sogar Bekannte zufällig getroffen. Die Immersion ist gelungen.

Die Gäste sollen nach einer Viertelstunde vergessen haben, dass sie vor dem Laptop sitzen. Das klappt auch sehr gut. Wir können die echte Bar zu 95 Prozent abbilden. Nur Getränke aus dem Rechner fließen lassen können wir noch nicht (lacht).

 

Aber fast: Man kann sich Getränke von euch bestellen.

Genau. Entweder unter der Woche vorab über die Webseite, dann liefern wir sie rechtzeitig und dazu gibt es ein Wochenendticket für die Bar. Oder man bestellt sich ad hoc abends an der Bar einen Drink, der dann von unseren Bartender live zubereitet und von unseren Kellnern mit dem Auto geliefert wird. Das machen wir in einem Fünf-Kilometer-Radius, und wenn die Bestellung etwas größer ist, dann fahren wir auch ein paar Kilometer weiter. Abholen geht auch. Und die dritte Möglichkeit ist, sich ein Fünf-Euro-Zutrittsticket zu ziehen und etwas Eigenes aus dem Kühlschrank zu trinken.

 

Wie teilen sich die Gäste anhand dieser Bestellmöglichkeiten denn auf und überhaupt, wer sind die Gäste der „Galander Online Bar“?

70 Prozent bestellen unter der Woche, 20 Prozent am Abend, 10 Prozent trinken eigene Sachen. Am Anfang, nach dem Testevent, waren es vor allem Stammgäste und deren Freunde. Dann kamen die TV- und Zeitungsberichte, seitdem kommen die Gäste von überall. Wir hatten schon welche aus Australien, viele Ex-Stammgäste, die nicht mehr in Berlin wohnen, aber auch viele neue Gesichter! Das Schöne an der virtuellen Bar ist: Man kommt sehr leicht mit anderen Leuten in Kontakt …

… das habe ich gemerkt, sobald man sich einem anderen Avatar nähert oder sich zu einer Gruppe an den Tisch oder an den Tresen setzt, geht bei beiden die Kamera an …

… und dieser Zwei-Wege-Videochat lässt die Leute ins Gespräch kommen. Wir hatten da schon die witzigsten Sachen: Da wählte sich mal jemand aus Frankreich ein, kommt mit einem anderen Gast aus Wilmersdorf ins Gespräch und die beiden stellen fest: Sie haben nicht nur die gleiche Schule in Berlin besucht, sondern fanden sogar das gleiche Mädchen gut, der eine war auch mit ihm zusammen (lacht). Übrigens: Weibliche Gäste sagen uns, dass sie sich in der „Galander Online Bar“ an den Tresen setzen können, ohne sich Gedanken machen zu müssen, blöd angequatscht zu werden. Wir haben ja eine Gästeliste und können jeden Avatar identifizieren.

 

Wie viele Gäste hattet ihr bisher? Und was war euer Spitzenabend?

Es sind weit über tausend im Durchlauf. An meinem 40. Geburtstag waren es 200 Gäste, das war ein Gewusel! Ich hasse es eigentlich, meinen Geburtstag zu feiern, fahre meistens weg und mache mein Handy aus, aber dieses Mal war es richtig cool, von zu Hause aus so viele Freunde wieder zu sehen. Auch viele, die ich Jahre nicht mehr gesehen habe.

 

Stichwort zu Hause: Deine Mitarbeiter arbeiten nicht etwa vom Sofa aus, sondern sind vor Ort in der Bar, wenn die „Galander Online Bar“ am Freitag und Samstag geöffnet hat.

Mit Hemd, Fliege und Weste. Das erzeugt ein anderes Gefühl. Vor dem Tresen steht ein großer Flatscreen, auf denen sie sehen können, wer sich online an den Tresen setzt. So können sie neue Gäste richtig in Empfang nehmen und wenn sich jemand einen Drink bestellt, greifen sie zu den Flaschen hinter sich. Es ist Arbeiten an der Bar! Eine weitere Person, auch in Arbeitssachen, macht Service, läuft per Avatar herum und fragt, ob alles in Ordnung ist oder kündigt an: Gleich gibt es Livemusik. So können wir Künstlerinnen und Künstlern, denen es ja zurzeit auch nicht gut geht, eine Bühne bieten und die Gäste werfen ihnen über PayPal was in den Hut. Wir hatten auch schon Vernissagen.

 

Verdient das Unternehmen Galander mit der Online-Bar eigentlich Geld?

Das Wochenendgeschäft aus dem Flaschen-Cocktail-Verkauf reicht, um die Mitarbeiter des „Galander Kreuzberg“ am Freitag und Samstag aus der Kurzarbeit zu holen. Finanziell spannender sind Firmenveranstaltungen und Geburtstage, wenn dann 120 Cocktails auf einmal geordert werden. Und zusätzlich baue ich solche digitalen Welten jetzt auch für andere Unternehmen auf.

 

Für wen? Für die Gastronomie?

Bisher für andere Branchen, es haben viele Verantwortliche schon erkannt, dass man mit einem virtuellen Großraumbüro die kurzen Kommunikationswege wiederherstellen kann, die ein Zoom-Call nicht bietet.

 

Wie funktioniert das genau?

Ein Kunde hat jetzt eine virtuelle Anwesenheitspflicht dreimal pro Woche eingeführt: Die Leute loggen sich morgens ins Online-Büro ein und wenn sie eine Frage an einen Kollegen haben, können sie – mit dem Avatar – kurz zu ihm rüber laufen. Oder sich in einem Konferenzraum zur Besprechung treffen. Es gibt auch eine Cafeteria. Es wundert mich, dass noch keine Bar außer uns auf die Idee gekommen ist.

 

Du würdest Bars dabei unterstützen, eine Online-Variante zu launchen?

Klar. We’re all in this together.

 

Wird die „Galander Online Bar“ auch weiter geöffnet sein, wenn die echte Bar wieder aufmachen darf?

Ja. Allein, weil wir so Gäste empfangen können, die nicht in Berlin wohnen. Wir müssen uns noch mal überlegen, wie man das parallel wird laufen lassen können, mit dem Screen am Tresen. Aber da fällt uns schon noch was ein. Als nächstes werden wir die „Galander Haifischbar“ online bringen. Dann können die Gäste sogar zwischen den Bars hin- und herlaufen, die Hagelberger Straße entlang.

 

Wie, auch den Weg von Bar zu Bar bildet ihr online ab? Wie denn?

Verrate ich noch nicht (lacht).

 

Alles klar, wir sind gespannt. Vielen Dank, Dominik!

Die „Galander Online Bar“ ist zurzeit immer freitags und samstags geöffnet. Es empfiehlt sich ein Besuch am Laptop/Rechner mit Kamera, die mobile Experience ist eingeschränkt. Mehr Infos unter www.galander.berlin/onlinebar