Nachtdenken

von Cornelia Tautenhahn

Der „Denkathon“ zum Erhalt des Gastro-, Club-, Kultur- und Nachtlebens

Wie können Nachtclubs bestehen? Wie überleben Restaurants und Bars die Phase des Lockdowns? Wie können wir unser soziales Miteinander aufrechterhalten? Beim Denkathon kamen in einem einmaligen Projekt rund 1.000 Akteure und Experten aus unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft an einen virtuellen, runden Tisch zusammen, um einen aktiven und konstruktiven Beitrag zum Erhalt der Vielfalt des Nachtlebens zu leisten. In nur zwei Tagen wurden insgesamt 35 Lösungsansätze zur Bewertung eingereicht, zum Beispiel wie Events mit Hilfe moderner Technologien wieder stattfinden oder menschliche Begegnungen in Zeiten von Kontaktbeschränkungen ermöglicht werden können. 

 

In einer speziellen Challenge, dem Movers & Shakers Club, beschäftigen sich die Teilnehmer intensiv mit der Gastronomie. Hier stand die Frage im Raum, wie Lockdown, Hygiene-Auflagen und Ausgehbeschränkungen Umsatz generiert werden kann.

Initiiert wurde das Projekt von Jägermeister. Wir haben mit Kathleen Schied, Head of Marketing bei Jägermeister Deutschland über die Ergebnisse und darüber, wie es weitergeht, gesprochen. 

Der Denkathon liegt nun ein paar Wochen zurück. Wie schauen Sie persönlich auf diese zwei Tage zurück?

Kathleen Schied: Wenn ich zurückblicke, dann waren die 48 Stunden Denkathon by Jägermeister einfach 48 Stunden Inspiration mit und für die Akteure der Nacht. Es war großartig, live mitzuerleben, wie intensiv und lösungsorientiert zum Teil vollkommen fremde Menschen ganz selbstverständlich zusammengearbeitet haben, neue Kontakte geknüpft wurden und Freundschaften entstanden sind. Was mir der Event deutlich zeigt, ist, dass man mit gemeinschaftlicher, zielgerichteter Kooperation Veränderungen in Bewegung setzen kann. Der Denkathon beweist, dass das Nachtleben mehr ist als nur Party, und mit all den Begegnungsorten zu unserem Leben dazugehört. Die Energie, die während des Denkathons zu spüren war, stimmt mich optimistisch für den Erhalt des Nachtlebens auf den verschiedenen Ebenen.

 

Wie erleben Sie gerade die Stimmung in der Branche?

Kathleen Schied: Jägermeister ist fester Teil des Nachtlebens und auf Events und in Clubs und Bars zu Hause. Dadurch stehen wir Clubbetreibern, Bartendern, Veranstalter*innen oder Künstler*innen auch persönlich nahe und bekommen im Austausch mit, wie dramatisch die Situation für die Menschen in allen Nightlife-Branchen inzwischen ist. Aus Unsicherheit über die Zukunft wird existentielle Panik, weil im Moment kein Ende der aktuellen Situation absehbar ist. Der Lichtstreif am Horizont fehlt. Die staatlichen Finanzhilfen sind richtig und wichtig, wenn sie rasch und unbürokratisch bei den Unternehmen ankommen. Doch was die Branchen darüber hinaus dringend brauchen, sind Perspektiven. Nicht nur wann und wie es weitergeht, sondern auch, wie man mit der Pandemie Nachtkultur trotzdem stattfinden lassen kann. Diese Perspektivlosigkeit und Unplanbarkeit zermürbt viele Nachtakteure. Das zu erleben, ist sehr bitter – auch für mich persönlich. Ich habe so etwas während meiner 25 Jahre in der Gastronomie- und Spirituosenbranche noch nie erlebt. Genau deshalb gilt es auch, ein Zeichen zu setzen und proaktiv an Lösungen zu arbeiten.

 

Von welchen Einreichungen können speziell Barbetreiber profitieren? Könnten Sie ein Beispiel nennen?

Kathleen Schied: Die erstplatzierte Idee – die App Save.our.Social – ist eine Chance für alle Branchen des Nachtlebens. Das Tool schafft Transparenz im Verordnungsdschungel und kann damit vom Kinobetreiber über den Konzertveranstalter bis hin zum Barbetreiber gezielte Hilfe leisten. Die App Save.our.Social ist ein Managementtool, dass die lange vermisste Transparenz für pandemiegerechtes Feiern zurückbringen kann. Zum Beispiel können Barbesitzer mithilfe der App in Echtzeit ermitteln, welche Voraussetzungen in ihrer Region erfüllt sein müssen, um den Betrieb sicher und regelkonform wiederaufzunehmen. Dieses Wissen ist so wertvoll, weil es die Basis für wichtige Entscheidungen schafft, das bisher fehlte. Wegen all der Unwägbarkeiten und das Regelchaos war es für viele Betreiber von Bars und Restaurants vor dem aktuellen Lockdown teilweise gar nicht mehr attraktiv, den Laden aufzumachen. Die Gäste waren verunsichert und sind lieber zu Hause geblieben. Dadurch, dass auch die Nachtschwärmer die Save.our.Social App benutzen können, sehen sie, unter welchen Bedingungen sie wo feiern können und welche Bars, Clubs oder Konzerthäuser aktuell und „sicher“ geöffnet sind. Darüber hinaus werden über die App Pakete mit technologischen Services angeboten, um einen pandemie-gerechten Publikumsbetrieb aufrechtzuerhalten. Von Schnell-Test-Szenarien, zu Nachverfolgbarkeit und virtuellen Getränkekarten ist alles dabei.

Auch das Konzept "SynClub“ bietet Bars, Clubs und Restaurants in der virtuellen Welt Möglichkeiten der Interaktion mit Stammgästen und der Neugewinnung von Gästen. Man kann sich hier zu einem virtuellen Bar Crawl verabreden und virtuell in Echtzeit soziale Interaktionen wiedererleben. Das Konzept könnte so weiterentwickelt werden, dass virtuelle Bar Gäste beispielsweise Bottled Cocktails von der Bar aus dem realen Leben geliefert bekommt. Viele Gastronomen haben solche Angebote jetzt auch schon, scheitern aber daran, dass sie dafür nicht genügend digitale Reichweite für aufbauen können. 

 

Wie geht es weiter? Gibt es Projekte, die sich in der Realisationsphase befinden?

Kathleen Schied: Alle Gewinner-Projekte befinden sich momentan in der Realisierungsprüfung. Diese Phase wird etwas Zeit in Anspruch nehmen. Was für uns aber schon jetzt feststeht, ist, dass wir mindestens eines der drei besten Konzepte realisieren werden, tendenziell aber eher mehr.

 

DIE DREI GESAMTGEWINNER

Gewinner des Wettbewerbs ist mit Save.Our.Social eine App, die tagesaktuelle Vorgaben und Regularien für Events unterschiedlichster Größenordnung und Art bündelt. Zudem begleitet die App Veranstalter und Teilnehmer über das gesamte Event und informiert auf einer virtuellen Karte in Echtzeit über die Auslastung einzelner Eventbereiche.

Auf den zweiten Platz gewählt wurde die App Kultur um die Ecke, die es ermöglicht Künstler*innen ihr Können digital zu präsentieren. Das Besondere dabei: Die Musiker und Artists können auf einer digitalen Stadtkarte ihren virtuellen Fußabdruck hinterlassen. Sie pinnen hierfür ihre Kunst in Form von Video- oder Audio-Snippets zeitlich begrenzt oder unbegrenzt an einen bestimmten Ort in der Stadt. Man kann Kunst also bei einem Stadtspaziergang lokal erleben.

Das Projekt hinter dem dritten Platz beschäftigt sich mit einem digitalen Club. Im Gegensatz zu virtuellen Konzerten oder Streamings stehen hier besonders die soziale Kompetente, Zufallsbegegnungen und spontane Interaktionen im Vordergrund. Bei SynClub können gleichgesinnte Clubgänger gemeinsame, zufällige Videochats starten. Wie in einem echten Club gibt es verschiedene Floors, Bars und Rückzugsorte für die Gäste.